22 Feb 2019

Fünf Fragen an michel jarraud vorsitzender von UN WATER

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UN Water, eine institutionenübergreifende Koordinationsinstanz der Vereinten Nationen zu allen Fragen im Zusammenhang mit Süßwasser, umfasst 31 Entitäten der Vereinten Nationen sowie 29 internationale Partner. Aufgabe ist die koordinierte, kohärente Behandlung multithematischer Fragen zur Ressource Wasser.

Michel-JarraudAgriculture Internationale – Heute gehen 70% der weltweiten Süßwasserressourcen in die Landwirtschaft. Welche Überlegungen, Strategien und Instrumente können der Landwirtschaft dabei helfen, die Wasserbewirtschaftung positiv zu beeinflussen?

Michel Jarraud - Der Bevölkerungszuwachs der kommenden Jahre (2015 wird die Weltbevölkerung auf etwa 9 Milliarden Menschen angestiegen sein) erhöht den Bedarf an Nahrungsmitteln aus der Landwirtschaft, und somit auch den Wasserkonsum. Die zentralen Antworten auf diese Herausforderung sind die folgenden:

1. Nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft : In verschieden Regionen der Welt besteht nach wie vor eine starke Diskrepanz zwischen realer und potenzieller Produktivität der Produktionssysteme. Bio-physische, betriebswirtschaftliche und sozio-ökonomische Hindernisse müssen aus dem Weg geräumt werden, um diese Diskrepanz zu reduzieren. Aufgrund der engen Verbindung zwischen Wasser und „Ertrag“ dieser Bewirtschaftungssysteme wird eine Reduzierung des Produktivitätsunterschieds sich positiv auf die Wasserproduktivität auswirken.

2.Effizientere Nutzung der Wasserressource : Produktivität und effiziente Nutzung des Wassers implizieren eine bessere Verteilung der Ressourcen auf die verschiedenen Bewirtschaftungssysteme, eine bessere Nutzung der Ressource Wasser innerhalb des jeweiligen Systems, bessere Wassertechnologien, aber auch eine Verbesserung der Arbeitsweisen und der Technologien in Bereichen, die nicht mit dem Wasser zusammenhängen, z. B. Bekämpfung von Schädlingen und Krankheiten, Ernährung der Pflanzen, Fruchtbarkeit der Böden, Auswahl der Anbaupflanzen usw. Anders formuliert, eine Verbesserung des landwirtschaftlichen Managements ist ausschlaggebend für die Verbesserung von Effizienz und Produktivität beim Wassereinsatz.

Der Einsatz von meteorologischen und klimatischen Informationen wie Wettervorhersagen und saisonalen Informationen zum Wasserverbrauch sowie die Steuerung der Wasserversorgungssysteme werden bei der Verbesserung der effizienten Wassernutzung von immer größerer Bedeutung sein, vor allem unter wechselhaften klimatischen Bedingungen. Hinsichtlich der Bekämpfung der Dürre könnten zusätzliche Maßnahmen darin bestehen, umfassende Frühwarnsysteme einzusetzen, den Kenntnisstand zu erweitern und das Phänomen Dürre besser zu berücksichtigen. Für die Optimierung der Wasserproduktivität ist es wichtig, die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft stärker zu nutzen, den Einsatz besserer landwirtschaftlicher Praktiken und Technologien zu fördern, den Marktzugang global zu erleichtern und so die Einkünfte der Landwirte zu steigern.

A.I. - Welches sind Ihrer Ansicht nach die besten Mittel zur Reduzierung des Wasserverbrauchs?

M.J - Für dieses Problem wird es kein Patentrezept geben. Bei den existierenden Pflanzenarten, die als dürreresistent gelten, sind die genetischen Verbesserungsmöglichkeiten bereits ausgeschöpft. Die neue genetische Forschung auf der Grundlage der molekularbiologischen Spitzentechnologien hat bisher keine Arten hervorgebracht, die dem Wasserstress wirklich gewachsen wären. Die Genetik setzt eine Ertragsgrenze fest, aber die Bedingungen, um diese Grenze auch zu erreichen, werden auf dem Feld geschaffen. Deshalb sollten die Investitionen auf die Feldarbeit abzielen. Mit Regenwassersammlung, Wasserlagerung und Bewässerung kann man die Wasserproduktivität spürbar steigern. Wasserentsalzung kommt bereits in Ländern mit extremem Wassermangel zum Einsatz (z. B. in den Golfstaaten), aber das entsalzte Wasser ist hauptsächlich für den urbanen Gebrauch gedacht, die hohen Energiekosten verhindern bisher seinen Einsatz in der Landwirtschaft.

Eine optimale Verteilung der Bewirtschaftungssysteme, verbesserte landwirtschaftliche Arbeitsweisen und der Einsatz von geeigneten Technologien sind wie gesagt ausschlaggebend für Reduzierungen beim landwirtschaftlichen Wasserverbrauch. Man muss die Vorzüge einer optimalen Nutzung der Versorgungstechnologien betonen, die zu den Instrumenten einer intelligenten Bewässerung gehören, vor allem wenn Landwirte und Berater darüber hinaus die Informationen zu Wetter und Klima besser nutzen, damit Zeitpunkt und Umfang der Bewässerung richtig festgelegt werden.

A.I. - Die intensive Landwirtschaft erfasst alle Regionen der Welt. Hat diese Tendenz zusammen mit den beängstigenden Perspektiven der Klimaerwärmung dazu beigetragen, dass man in der Landwirtschaft verstärkt der Notwendigkeit eines gezielteren Einsatzes der Wasserressource Rechnung trägt?

WaterM.J - Vor 50 Jahren gab es eine Revolution in der Landwirtschaft, damals wurden die ökologischen Auswirkungen von Produktivitätssteigerungen (und größeren Anbauflächen) vernachlässigt. Heute werden Umweltaspekte stärker berücksichtigt. Ich würde sagen, wir haben es heute mit einem neuen Paradigma zu tun, das in dem Begriff der „nachhaltigen Intensivierung der Landwirtschaft“ zum Ausdruck kommt.

Heute geht es nicht mehr primär um „Produktivitätssteigerung bei gleichzeitiger maximaler Reduzierung der Umweltschäden“, sondern um „die Produktivität verbessernde Nachhaltigkeit“. Die CGIAR*, die FAO* und andere landwirtschaftliche Institutionen arbeiten gemeinsam an der Umsetzung dieses Paradigmas. Die Konsequenzen von Naturkatastrophen und extremen Phänomenen auf die Landwirtschaft haben zu einem verstärkten Bedarf an geeigneten, sinnvollen Informationen geführt, die die adäquate Entscheidungsfindung erleichtern. Fortschritte in Wissenschaft und Technik haben die Präzision von kurz- und längerfristigen Wettervorhersagen, die Entscheidungshilfen sowie die Informations- und Kommunikationstechnologien verbessert. Effiziente Maßnahmen zur Verbesserung der Ökoagrikultur und Strategien des Anbauwechsels sind so leichter zugänglich geworden und können der Landwirtschaft helfen, sich an den Klimawandel anzupassen und Nachhaltigkeit zu fördern.

A.I. - Es sind häufig Regionen mit niedrigen Wasserressourcen, wo komplexe Technologien zur Bekämpfung des Problems zum Einsatz kommen müssen. Stellt diese Notwendigkeit nicht ein unüberwindbares Hindernis dar im Bemühen um Wettbewerbsfähigkeit?

M.J - Bei der Wettbewerbsfähigkeit spielen auch Marktfaktoren eine Rolle. In verschiedenen Ländern mit Wassermangel ist gleichzeitig auch der Faktor Lebensmittelsicherheit von Bedeutung. Die erste Ernährungskrise von 2008 und die permanente Preisvolatilität bei bestimmten landwirtschaftlichen Grundprodukten haben mehrere Einfuhrländer dazu veranlasst, ihre Abhängigkeit und Anfälligkeit abzubauen, indem sie ihre eigene Produktivität steigern. Deshalb spielen in wasserarmen Ländern die Lebensmittelhygiene und die Wasserressourcen eine wesentlich größere Rolle als die Wettbewerbsfähigkeit. Wie aus dem fünften Bericht klar hervorgeht, wird der Klimawandel gravierende Auswirkungen auf den hydrologischen Zyklus haben, mit höheren Temperaturen, stärkerer Verdunstung und modifiziertem Regenvolumen. In diesem Kontext werden Wasser und nachhaltige Landwirtschaft für ein nachhaltiges Wachstum und für die Lebensmittelsicherheit eine zentrale Rolle spielen.

Wir müssen deshalb die Klimainformationen an die Bedürfnisse der verschiedenen Wirtschaftsbereiche anpassen, die stark auf klimatische Veränderungen reagieren. Aus diesem Grund hat die UNO einen weltweiten Rahmen für klimatologische Dienstleistungen geschaffen, eine internationale Kooperation, mit deren Hilfe sich aus globalen oder regionalen klimatischen Vorhersagen und Prognosen meteorologische Produkte und Dienstleistungen für den öffentlichen Sektor und für Großunternehmen ableiten lassen können.

A.I. - Welche Programme entwickelt UN Water heute? Welche Notmaßnahmen müssen Ihrer Ansicht nach heute zum Einsatz kommen, um allgemeinen, gerechten Zugang zur Ressource Wasser zu gewährleisten? Verfügen wir über die hierzu notwendigen Mittel?

M.J - Die Arbeit von UN Water konzentriert sich auf zentrale Fragen zu spezifischen Themen, die langfristig zu behandeln sind. Dazu bedarf es intensiver Kooperation, institutionenübergreifender Koordination und projektgebundener Arbeitsgruppen, die in Bereichen intervenieren, in denen Mitglieder von UN Water spezifischen Handlungsbedarf identifiziert haben. Der allgemeine, gerechte Zugang zu den Wasserressourcen und zur Wasseraufbereitung ist Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung. Deshalb arbeitet UN Water mit den Mitgliedsstaaten und Interessengruppen zusammen, um über den Prozess post-2015 zu informieren, und unterstützt die Definition einer Zielsetzung, die Wasserversorgung, -aufbereitung und -hygiene, Verwaltung der Wasserressourcen und der Abwässer und Wasserqualität beinhaltet. Ohne diese drei Elemente kann der Zugang zur Ressource Wasser weder nachhaltig noch gerecht sein.

Der Prozess post-2015 wird die allgemeine Entwicklungsagenda post-2015 prägen, wenn das Enddatum der Ziele des Jahrtausends erreicht ist. Es ist daher von zentraler Bedeutung, dass das Wasser in diesem neuen Entwicklungsrahmen zur Genüge präsent ist, damit die Regierungen, Geldgeber und Finanzinstitutionen in ihren politischen Entwicklungsprogrammen diesem Thema genügend Raum geben und die notwendigen Finanzierungen und Investitionen gewährleisten. UN Water arbeitet zurzeit intensiv an diesem Ziel.

*Consultative Group on International Agricultural Research - **Food and Agriculture Organization of the United Nations.

 

 

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