22 Apr 2019

KANADA, Gerry Ritz kanadischer Minister für Landwirtschaft und landwirtschaftliche Nahrungsmittel

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Kanada ist noch größer als Brasilien (9.984.670 km2 ), hat aber nur 35 Millionen Einwohner und 205.700 landwirtschaftliche Betriebe mit einer Durchschnittsgröße von 314 ha, die auf etwa 65 Millionen ha angesiedelt sind. Allein die Region der Prärien mit den Provinzen Alberta, Saskatchewan und Manitoba zählt 125.000 landwirtschaftliche Betriebe, die 40% des Viehs und 60% des Weizens Kanadas produzieren. Das Land ist heute weltweit der siebtgrößte Weizenerzeuger. Im folgenden Doppelinterview äußern sich der brasilianische Landwirtschaftsminister Antonio Andrade und sein kanadischer Amtskollege Gerry Ritz zu fünf Problematiken, die in zahlreichen Ländern die Landwirtschaft betreffen. Ihre von Pragmatik und gesundem Menschenverstand geprägten Antworten zeigen, wie man in verschiedenen Regionen mit den ökonomischen und gesellschaftlichen Aspekten der Landwirtschaft umgeht.

Gerry-RitzPreisvolatilität und Risikomanagement. Wie berücksichtigen Sie diese beiden Elemente bei Ihrer Versorgungspolitik und Ihren Marktstrategien?

Die Bundesregierung und die Provinzregierungen Kanadas haben einen ganzheitlichen strategischen Rahmen für fünf Jahre entwickelt mit dem Ziel, Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie zu unterstützen. Der aktuelle Rahmen (2013-2018) namens Growing forward 2 (GF 2) zielt langfristig auf Wachstum und Wohlergehen dieses Sektors durch Innovation und Marktentwicklung.

Er erlaubt es, zu prüfen, ob die Regierungen sich die Risiken im Zusammenhang mit extremer Preisvolatilität und Naturkatastrophen auch weiterhin teilen. GF 2 beinhaltet eine Reihe von Programmen zum betrieblichen Risikomanagement (Business Risk Management, BRM), die den Landwirten dabei helfen werden, mit den Risiken von Preisinstabilität und Produktionsausfällen umzugehen. Dies sind die fünf BRM-Programme:

• Agri-Insurance: Schutz bei Produktionsausfällen bei bestimmten Produkten, die von Hagel, Dürre, einer Überschwemmung, einer Krankheit oder einer anderen Naturkatastrophe in Mitleidenschaft gezogen worden sind.

• Agri-Stability: Unterstützung, wenn die Gewinnmarge des Landwirts stark zurückgeht, insbesondere infolge Preisrückgang oder Kostenerhöhung.

• Agri-Invest: Förderung von Spartätigkeit und Investitionen in landwirtschaftlichen Betrieben.

• Agri-Recovery: Unterstützung der Landwirte bei der Wiederaufnahme ihrer landwirtschaftlichen Aktivitäten nach einer Naturkatastrophe.

• Agri-Risk: Förderung von privatwirtschaftlicher Forschung und Entwicklung im Bereich der Konzeption von Instrumenten für das Risikomanagement.

Die BRM-Programme für die Bereiche Milch, Geflügel und Eier sind mit einem System für Versorgungsmanagement verbunden, das es erlaubt, nationale Versorgung und Inlandsnachfrage auszugleichen. Das Versorgungsmanagement basiert auf drei Säulen: Produktions-, Preis-und Importkontrolle. In den Bereichen Milch, Geflügel und Eier wurde Anfang der 1970er Jahre ein System des Versorgungsmanagements eingeführt, um der damaligen extremen Preisvolatilität entgegenzuwirken.

Das System hat seine Funktionsfähigkeit unter Beweis gestellt, was die Reduzierung der Schwankungen bei den Erzeugerpreisen betrifft. Versorgungsmanagement stellt in Kanada ein anerkanntes Programm für Risikomanagement dar.

Wasserbewirtschaftung. Wie schützen Sie die Wasserressourcen, und mit welchen Maßnahmen oder Vorschriften optimieren Sie die landwirtschaftliche Wassernutzung?

Selbst wenn Agriculture and Agro-Food Canada (AAFC) nicht die Aufgabe hat, die Wasserressourcen zu schützen, sind hier Canada Environment und die Provinzen zuständig; das Ministerium trägt in unterschiedlicher Form zum Schutz der Wasserressourcen bei. Das geschieht insbesondere im Rahmen von F&E-Projekten, die verschiedene Bereiche betreffen, darunter Wassernutzung, Nährstoffmanagement, Bodenerhaltung mit dem Ziel, Erosion und Erdrutsche zu verhindern, usw.

Die Forscher von AAFC arbeiten an breit gefächerten Projekten im Zusammenhang mit der Wasserbewirtschaftung. Man sucht nach Möglichkeiten, den Nährstoffverlust der landwirtschaftlichen Böden oder die Verschmutzung der Großen Seen zu reduzieren. Ziel ist es, die Qualität von Wasser und Nährstoffen zu verbessern und gleichzeitig den Einfluss der Nährstoffe auf die Wasserqualität und die Erträge einzuschränken.

Auf der Ebene der hydrografischen Becken beispielsweise zielt das Programm Evaluation of Beneficial Management Practices (BMP) darauf ab, die wirtschaftlichen Konsequenzen bestimmter landwirtschaftlicher Praktiken und deren Auswirkungen auf die Wasserqualität in neun auf ganz Kanada verteilten hydrografischen Becken zu untersuchen.

canada-waterDaneben hat AAFC vor kurzem den Agroclimate Impact Reporter (AIR) geschaffen, die erste räumliche Datenbank zu den agroklimatischen Auswirkungen in Kanada. Es handelt sich um ein Online-Tool (www.agr.gc.ca/air), mit dem sich landesweit Informationen zu agroklimatischen Auswirkungen sammeln, ordnen und integrieren lassen. Offiziell sind in Kanada verschiedene Instanzen für den Schutz und die Qualität des kanadischen Oberflächenwassers zuständig. Auf der Ebene der Bundesregierung ist das Canada Environment; diese Instanz delegiert die Schutzbefugnisse an die Umweltminister in den Provinzen und Territorien.

Der Canadian Council of Ministers of the Environment (CCME) hat in Zusammenarbeit mit den Regulierungsbehörden Richtlinien zur Wasserqualität erarbeitet, um die Beachtung bestimmter Umweltvorschriften durchzusetzen. Der CCME erarbeitet und veröffentlicht diese Richtlinien.

Daneben existieren eine Reihe von Instrumenten zum Thema Klima, die von unterschiedlichen Stellen – darunter der CCME – konzipiert werden, z. B. für Vorhersagen, statistische Analysen, Beobachtung der Dürreperioden oder Echtzeiterhebungen der Bodenfeuchtigkeit.

GMO-Anbau. Besitzt der Anbau von genetisch modifizierten Pflanzen (Getreide und Proteinpflanzen) Ihrer Ansicht nach für die Produktionen, in denen er zum Einsatz kommt, deutliche ökonomische Vorteile, insbesondere für die Getreidewirtschaft und in der Viehzucht?

Es muss betont werden, dass die biotechnologischen Anwendungen weltweit anerkannte ökologische und wirtschaftliche Vorzüge besitzen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und die Ernährungs-und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen sehen im Anbau von genetisch modifizierten Pflanzen ein Mittel, den Nahrungsmittelmangel in der Welt zu bekämpfen.

Biotechnologische Anwendungen können dazu beitragen, die Lebensfähigkeit der Landwirtschaft zu verbessern, indem sie die Produktion steigern und Umweltprobleme in Angriff nehmen.

Export. Worauf basiert Ihre Exportpolitik? Über welche spezifischen Vorteile verfügt Kanada in diesem Bereich? Würden Sie bestimmte Veränderungen der Regeln der WTO befürworten?

Wachstum und Wohlergehen der kanadischen Landwirtschaft hängen von der Fähigkeit ab, sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten. Die kanadische Handelspolitik in der Landwirtschaft beinhaltet zahlreiche Facetten und verschiedene Initiativen: ein Programm für multi-und bilaterale Verhandlungen, die Förderung von Regeln für den wissenschaftlichen Austausch im Rahmen von multilateralen Instanzen wie der Welthandelsorganisation (WHO) oder internationalen Normierungsinstanzen (z. B. die Kommission des Codex Alimentarius) sowie bilaterale Kooperation der zentralen Handelspartner mit dem Ziel, die Probleme des Marktzugangs im Zusammenhang mit Maßnahmen im Bereich Gesundheit und Pflanzenschutz oder anderen technischen Markthemmnissen zu lösen. Kanada exportiert weltweit hauptsächlich Rindfleisch, Schweinefleisch, Getreide (vor allem Weizen und Gerste), Ölpflanzen, verarbeitete Nahrungsmittel und frisches Obst und Gemüse.

Agrarpolitik. Ist es möglich/ wünschenswert, die Agrarpolitik international zu harmonisieren?

Die nationale Landwirtschaftspolitik wird in Abhängigkeit von den Gegebenheiten und Herausforderungen des jeweiligen Landes entwickelt. Dabei sind unterschiedliche Faktoren von Bedeutung: Klima, geschichtlicher Kontext, Kultur, Entwicklungsstand. Diese Politiken sind effizienter, wenn sie auf nationaler, subnationaler oder lokaler Ebene umgesetzt werden. Im Rahmen internationaler Organisationen wie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen können sich aber Gelegenheiten zur Zusammenarbeit ergeben.

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